Ein Bericht der Salzburger Nachrichten vom 3. Jänner 2022, welcher über Vermittlung der „Spielerhilfe“ entstanden ist.

Seit 15 Jahren ist ein heute 30-jähriger Wiener spielsüchtig. Im SN-Gespräch schildert er, wie magisch ihn der „Wurm“ in die Spielhöllen zieht. Seine Verlobte ist verzweifelt.

Er hat Ausstrahlung. Groß gewachsen, adrett gekleidet, eloquent, ein gewinnender, attraktiver junger Mann.

Was man nicht sieht: Marko (Name geändert) hat ein großes Problem. Der 30-Jährige ist krank, er leidet unter Spielsucht. Mit ihm leidet seine bildhübsche Verlobte, nennen wir sie Akgül.

Die beiden leben in Wien und sind seit über 15 Jahren ein Paar. Damals, im Jahr 2005, kam Marko durch einen Freund das erste Mal in ein Spielcasino beim Wiener Prater. Die Automaten dort übten magische Anziehungskraft auf ihn aus, hatte er doch mit zehn Euro Einsatz 70 Euro Gewinn gemacht. „Viele Jugendliche haben dort gespielt, es hat niemand nach einem Ausweis gefragt“, erzählt Marko.

Fast zwei Stunden dauert das SN-Gespräch, das über Vermittlung des Vereins Spielerhilfe zustande kam.

Anfangs habe er sein Taschengeld verspielt, sagt Marko – 20 bis 30 Euro. Mit 17 Jahren war er fast täglich in den nahe gelegenen Automatencafés, nächtelang, bis in die Morgenstunden. Marko ging regelmäßig zu spät zur Schule oder schwänzte den Unterricht. Er musste zwei Klassen wiederholen, die Matura schaffte er gerade noch, wie er sagt. „Schlimm wurde es, als ich angefangen habe zu arbeiten.“ Da wurden die Einsätze immer höher.

Und Akgül? „Am Anfang hat es Spaß gemacht. Trinken, essen, Geld ausgeben. Ich bin nach der Arbeit zu ihm, habe gewusst, wo er ist.“ Marko: „Man hat mich leicht gefunden.“ Sein Verdienst reichte irgendwann nicht mehr aus. „Ich habe immer alles ihm gegeben und er hat es verspielt“, sagt seine Verlobte. Warum? Akgül versinkt im Sessel, sie senkt den Kopf – „aus Liebe, ich konnte ihn nicht leiden sehen“.

Marko wirkt mächtig, er zieht mit seiner Abhängigkeit sein ganzes Umfeld in den Bann. Nüchtern, vielleicht sogar etwas stolz, listet er auf, welch absurd hohe Geldsummen er in seinen jungen Jahren schon verspielt hat.

Bild: SN/Fritz Pessl

Sein Gehalt, das er in seinem ersten Job bei einem Autovermittler verdiente, war am Tag der Auszahlung weg. Als er am Wochenende die Kassa mit dem Wechselgeld verwaltete, entnahm er auch diese 400 Euro.

Wie ein Verrückter fährt Marko zu seiner Freundin um weiteres Geld. Sein ganzes Leben dreht sich nur mehr darum. „Geld besorgen, spielen, hoffen zu gewinnen und dann wieder Geld besorgen.“ Marko nimmt seinen ersten Kredit auf: 10.000 Euro, die so hoch verzinst sind, dass er 18.000 Euro zurückzahlen muss. „Binnen 48 Stunden war alles weg. Es war das erste Mal, dass ich mich ganz schlecht gefühlt und gemerkt habe, ich habe ein Problem. Das Gefühl kann man nicht beschreiben, wenn man so jung 10.000 Euro verliert“, erzählt der 30-jährige.

Vor zehn Jahren ist sein Vater verstorben. Er hat 20 Jahre lang jeden Monat kleine Beträge angespart und seinem Sohn 55.000 Euro vererbt.

„In einem halben Jahr habe ich auch das verspielt. Man verfällt immer mehr in einen Rausch, je länger man an einem Abend spielt. Das Automatenspiel macht einen verrückt“, erzählt Marko.

Anfang 2015 wird er plötzlich aus seinen kühnsten Träumen gerissen. Die Automaten waren weg, das kleine Glücksspiel in Österreich verboten. „Wir Spieler haben das nie geglaubt. Im Prater stand ein Schild ,Behördlich geschlossen‘. Ein komisches Gefühl, eine gewisse Verzweiflung – was mache ich jetzt?“

Eine Lösung war schnell gefunden. Der Ersatz hieß Black Jack und Roulette. Bis zu 25 Mal im Monat sei er in die Spielhölle gegangen – „jeden Tag, an dem ich Geld hatte, war ich dort“, sagt Marko. Längst ist er getrieben davon, das Geld zu verdoppeln. Seine Verlobte schildert es so: „Er ist von Tisch zu Tisch gehetzt, wie ein Verrückter, und hat überall seine 200er-Jetons gesetzt.“

„Er muss loskommen.
Sonst verliert er mich.
Ich kann nicht mehr.“

Akgül, Verlobte eines Spielers

Und sie, Akgül, warum ist sie bei ihm geblieben? Eine Träne kullert über ihr Gesicht. „Er hat mir ständig Versprechungen gemacht, dass er das Geld zurückholt. Er war in einer anderen Welt und mir waren die Hände gebunden. Ich habe immer mitgemacht. Manchmal denke ich mir, ich bin auch krank“, sagt sie.

Es ist ein Teufelskreis. Mit jedem Verlust zieht es Marko tiefer in den Strudel. Er fährt mit dem Auto in die Innenstadt, spielt tagelang und nächtelang und vergisst dabei ganz darauf, die Parkgebühren zu bezahlen. Schließlich sind 8000 Euro an Organstrafen offen, die er nicht bezahlen kann. Er kommt drei Nächte in Polizeiarrest, bis ihn seine Mutter und ein Freund mit 5000 Euro auslösen. „Ich bin mit dem Geld sofort ins Spielcasino und habe alles verspielt. So krank war mein Kopf“, sagt Marko.

Nicht zu vergessen, dass er mit der Bankomatkarte Akgüls über ihr Geld verfügt, als wäre es seines.

Im Jahr 2017 wollen die beiden ein neues Leben beginnen, seine Verlobte nimmt zwei Kredite über 51.000 Euro auf. „Von diesen Krediten waren wir einmal bei Nordsee Fisch essen. Der Rest ist eins zu eins ins Casino gegangen.“ Des Öfteren habe er mehr als 10.000 Euro in einer Nacht verloren, insgesamt rund 400.000 Euro. Kredite seien zusätzlich zu den erwähnten noch bei einem Freund (47.000 Euro) und bei der Schwester seiner Verlobten offen. Seit 2018 ist der 30-Jährige in allen Spielcasinos Österreichs gesperrt.

Marko beschreibt seine Spielsucht als einen „Wurm“. „Ich kämpfe das ganze Leben gegen diesen Wurm. Wenn es ruhig ist, in der Nacht, sagt er ,Fahr, fahr, mach dir einen schönen Abend. Du kannst das Geld verdoppeln.‘ Ich habe immer an eine Glückssträhne geglaubt.“ Er steht Tag und Nacht unter Druck, kämpft im Traum wie ein Besessener, um zu gewinnen. Das geht so weit, dass er seine Kontaktlinsen vor dem Schlafen nicht herausnimmt, weil es ja sein könnte, dass er noch schnell ins grenznahe Casino nach Tschechien fährt. Dort hatte er tatsächlich nach dem ersten Coronalockdown acht Mal hintereinander insgesamt 23.000 Euro gewonnen, beim neunten Mal war alles weg – und zusätzlich 400 Euro.

Marko hat seine Wohnung verloren, gegen ihn laufen zahlreiche Exekutionen, er lebt von der Notstandshilfe. Zuletzt war er vor zwei Monaten in der Spielhölle. Akgül, die auf Deutsch übersetzt „weiße Rose“ heißt, droht zu verwelken. Und doch gibt sie die Hoffnung nicht auf. „Er muss loskommen. Wegen mir, sonst verliert er mich. Ich kann nicht mehr.“ Marko nickt –„ja, allein schon wegen ihr“.

Original-Artikel der Salzburger Nachrichten vom 03. Jänner 2022:

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